1. Die Wirkung veränderter Staatsausgaben auf das Nettosozialprodukt

A) Variation der Entgelte des Staates für die Leistungen von Unternehmen

Verändern sich ceteris paribus die Entgelte des Staates für Leistungen von Unternehmen an den Staat, bewirkt dies eine Veränderung des Nettosozialprodukts in der Höhe der mit dem Staatsausgabenmultiplikator multiplizierten Veränderung der Staatsausgaben.

Das Nettosozialprodukt zu Marktpreisen lässt sich als die Summe der folgenden Grössen bestimmen:

Eine Veränderung des Nettosozialprodukts zu Marktpreisen resultiert folglich aus einer Veränderung des privaten Konsums, der privaten Investitionen und der Staatsausgaben.

Es kann angenommen werden, dass sowohl die Investitionen wie auch die Staatsausgaben vom Gesamteinkommen unabhängig, d.h. autonom sind. Der Konsum hingegen hängt wenigstens zum Teil vom Gesamteinkommen ab. Konsum ist zum Teil autonom, zum Teil induziert.

Werden die Veränderungen des privaten autonomen Konsums und der privaten Investitionen auf 0 gesetzt, dann ergibt sich die Veränderung des Nettosozialprodukts aus der mit dem Staatsmultiplikator 1/1-c multiplizierten Veränderung der Staatsausgaben.

 

Beispiel:

Der Staat erhöht ceteris paribus seinen Konsum um 100 Geldeinheiten. Bei einer Grenzneigung zum Konsum von 0.8 ergibt sich ein Staatsausgabenmultiplikator von 1/(1-0.8) = 5. Folglich steigt das Nettosozialprodukt als Folge der um 100 erhöhten Staatsausgaben um 500 Geldeinheiten.

Durch den erhöhten autonomen Staatskonsum wird ein Multiplikatorprozess ausgelöst. Der um 100 grössere autonome Staatskonsum erhöht das Nettosozialprodukt zunächst ebenfalls um 100. Als Folge des um 100 gestiegenen Nettosozialprodukts erhöht sich der Privatkonsum bei einer Grenzneigung zum Konsum von 0.8 um 80. Auf Grund des um 80 grössern Konsums erhöht sich das Nettosozialprodukt ebenfalls um 80. Dies löst eine neue Konsumsteigerung um 64 aus. Der Anstieg des Nettosozialprodukts setzt sich entsprechend fort, bis das neue Gleichgewicht erreicht wird. Die Veränderung des autonomen Staatskonsums von 100 verändern das Nettosozialprodukt bei einer Grenzneigung zum Konsum von 0.8 um das 5fache, also um 500.

Der Staat kann in einer unterbeschäftigten Wirtschaft durch zusätzlichen autonomen Konsum (z.B. durch Strassenbau) ein Wirtschaftswachstum auslösen und umgekehrt durch verminderten Staatskonsum das Wirtschaftswachstum bremsen. Die durch die Veränderung der staatlichen Entgelte an die Unternehmen bewirkte Veränderung der Staatsausgaben verändert die Vermögenslage des Staates. Die Staatsverschuldung steigt oder sinkt.

 

B) Variation der Transferzahlungen des Staates an die Haushalte

Verändern sich ceteris paribus die Transferzahlungen des Staates an die privaten Haushalte, bewirkt dies eine Veränderung des Nettosozialprodukts, die aber geringer ausfällt als bei der Variation der Entgelte des Staates für Leistungen von Unternehmen. Der Multiplikator lautet in diesem Fall c/(1-c) und ist somit kleiner als der Staatsausgabenmultiplikator 1/(1-c).

Bekommen Haushalte vom Staat Transferzahlungen z.B. in der Form von Löhnen, Zinsen, Renten oder Sozialhilfen, erhöht sich dadurch ihr verfügbares Einkommen. Zwar stellen Transferzahlungen makroökonomisch kein Einkommen dar. Ueber sie erfolgt lediglich eine Umverteilung von Einkommen. Den einen werden Einkommensteile durch Steuern entzogen und andern als Transferzahlungen zugeführt. Dennoch sind Transferzahlungen einkommenswirksam. Es kann davon ausgegangen werden, dass diese sogenannten Sekundäreinkommen zu einem grössern Teil konsumiert und zu einem kleinern Teil gespart werden. Der Konsumanteil wird durch die Grenzneigung zum Konsum bestimmt. Dieser Konsumanteil wirkt wie eine autonome Konsumerhöhung und löst den Expansionsprozess aus. Es kommt zu einer Parallelverschiebung der Konsumkurve nach oben.

Beispiel:

Vom Staat her fliessen 100 Geldeinheiten als Transferzahlungen an Haushalte. Bei einer Grenzneigung zum Konsum von 0.8 werden 80 davon für Konsum verwendet. Diese Erhöhung der Konsumausgaben um 80 löst einen Expansionsprozess aus, der das Nettosozialprodukt um 400 steigert.

Durch den auf Grund der Transferzahlungen erhöhten autonomen Privatkonsum wird ein Multiplikatorprozess ausgelöst. Die Transferzahlungen von 100 erhöhen das Nettosozialprodukt zunächst nicht. Aber die Transferzahlungen führen zu einem Mehrkonsum von 80. Auf Grund des um 80 grössern Konsums erhöht sich das Nettosozialprodukt ebenfalls um 80. Dies löst eine neue Konsumsteigerung um 64 aus. Der Anstieg des Nettosozialprodukts setzt sich entsprechend fort, bis das neue Gleichgewicht erreicht wird. Transferzahlungen von 100 verändern das Nettosozialprodukt bei einer Grenzneigung zum Konsum von 0.8 um das 4fache, also um 400.

 

 

2. Die Wirkung veränderter Staatseinnahmen auf das Nettosozialprodukt

Eine ceteris paribus Veränderung der Steuern bewirkt eine Veränderung des Nettosozialprodukts in der Höhe der mit dem Steuermultiplikator multiplizierten Veränderung der Staatseinnahmen. Der Steuermultiplikator ist der Quotient aus der Division der Grenzneigung zum Konsum c durch die Grenzneigung zum Sparen 1-c.

Eine Aenderung der Steuern wirkt ähnlich wie die Aenderung von Transferzahlungen. Werden die Steuern ceteris paribus gesenkt, erhöht sich das verfügbare Einkommen und es wird folglich zusätzlich konsumiert, wodurch ein Expansionsprozess des Nettosozialprodukts ausgelöst wird. Erhöht dagegen der Staat die Steuern, wird der Konsum zurückgehen und somit ein Kontrakionsprozess des Nettosozialprodukts initialisiert. Das Nettosozialprodukt verändert sich um die mit dem Steuermultiplikator multiplizierte Veränderung der Steuern.

Beispiel:

Beträgt die Steuererhöhung 100 und die Grenzneigung zum Konsum 0.8 so ist der Steuermultiplikator 4 und die Verminderung des Nettosozialprodukts zu Marktpreisen 400. Umgekehrt führt eine Steuersenkung um 100 zu einer Erhöhung des Nettosozialprodukts um 400.

Eine gleichzeitige Veränderung der Steuern und der Transferzahlungen um den gleichen Betrag führen zu keiner Veränderung des Volkseinkommens. Sie bewirken lediglich eine Umverteilung der Einkommen. Werden hingegen höhere Steuereinnahmen dazu verwendet, Güter vom Unternehmenssektor zu beschaffen, führt dies zu einer Erhöhung des Nettosozialprodukts, da der Staatsausgabenmultiplikator 1/1-c über dem Steuermultiplikator c/1-c liegt. Es besteht deshalb die Möglichkeit auch bei ausgeglichenem Staatshaushalt durch Erhöhung des Volumens des Staatshaushaltes das Volkseinkommen anzuheben. Ein Budgetdefizit hingegen wirkt immer expansiv, ein Budgetüberschuss kontraktiv.