Wohlstand

Wohlstandssteigerung

Zwei Autos fahren auf der Landstrasse friedlich aneinander vorbei, nichts passiert, und sie tragen nur minim zum Bruttosozialprodukt bei. Beide Autofahrer sind zufrieden. Die Autofahrt befriedigt ihre Bedürfnisse, hebt ihren Wohlstand. Aber dann passiert es, der Lenker des einen Autos passt nicht auf, gerät auf die Gegenfahrbahn und verursacht mit einem inzwischen anrollenden dritten Auto einen schweren Verkehrsunfall. Da freut sich das Bruttosozialprodukt und klettert sprunghaft nach oben: Rettungshubschrauber, Aerzte, Krankenschwestern, Abschleppdienst, Autoreparatur, Rechtsstreit, Verwandtenbesuch zu den Unfallopfern, Zeitungsberichte, Polizei, Versicherungen, Alleebaumsanierung. Auch wenn kein Beteiligter einen Gewinn an Lebensqualität und einige einen grossen Verlust haben, so steigt doch der Wert unseres "Wohlstands", den das Bruttosozialprodukt angibt.

Wirtschaftswachstum und Wohlstandssteigerung sind nicht völlig komplementäre Ziele. Als Wirtschaftswachstum gilt eine Vermehrung der Produktion von Gütern und Dienstleistungen. Es lässt sich in der Zunahme des Bruttosozialprodukts, bzw. Bruttoinlandprodukts in aufeinanderfolgenden Jahren ausdrücken. Das Wachstum kann nominal (zu den jeweils geltenden Preisen), aber auch real (zu den Preisen eines Basisjahres) betrachtet werden. Sollen auch Aenderungen berücksichtigt werden, die sich aus der Zunahme, bzw. Abnahme der Bevölkerung ergeben, so dividiert man das reale Bruttosozialprodukt, bzw. das Bruttoinlandprodukt durch die Bevölkerungszahl und erhält die Pro-Kopf-Quote des Bruttosozialprodukts, bzw. Inlandprodukts.

Das reale Wirtschaftswachstum wird als Wohlstandsindikator verwendet, weil mehr Wohlstand häufig mit der Verfügbarkeit über eine grössere Zahl an materiellen Gütern gleichgesetzt wird. Ein hoher Produktionsstand sichert zugleich die Arbeitsplätze und das Einkommen. In einer wachsenden Volkswirtschaft können erforderliche strukturelle Anpassungen besser vorgenommen werden. Notwendige Infrastrukturinvestitionen lassen sich ohne drastische Steuererhöhungen durchführen, wenn der Staat in einer wachsenden Wirtschaft mit zunehmenden Steuereinnahmen rechnen kann. Eine Verschiebung der Altersstruktur in der Bevölkerung erfordert künftig steigende Aufwendungen für Rentenleistungen. Sollen die Einkommen der im Erwerbsleben stehenden Bevölkerung nicht zu sehr beschnitten werden, so lassen sich gleichbleibende oder steigende Renten nur bei entsprechendem Wirtschaftswachstum finanzieren. Steigende Gewinne in einer wachsenden Wirtschaft ermöglichen Neuinvestitionen. Der technische Fortschritt und die Modernisierung der Wirtschaft werden gefördert. Die Erhaltung der internationalen Konkurrenzfähigkeit ist nur bei Anwendung des grösstmöglichen technischen und organisatorischen Fortschritts gewährleistet.

Das Wirtschaftswachstum bringt nicht unbedingt ein mehr an Lebensqualität. Der Wohlstand und die Wohlfahrt sind nicht nur durch das Wirtschaftswachstum bestimmt, sondern durch weitere Faktoren, die ausserhalb der Marktsphäre stehen (z.B. Freizeit, Qualität der Umwelt, Hausfrauenarbeit etc.). Gewisse im Sozialprodukt enthaltene Güter werden nicht als wohlstandssteigernd empfunden (z.B. die sogenannten "regrettables", wie z.B. die Aufwendungen für das Militär oder für die tägliche Fahrt zur Arbeit). Investitionen schmälern den jetzigen Wohlstand, allerdings sichern sie den zukünfigen Wohlstand. Das Sozialprodukt vernachlässigt den Wohlstandsverlust, der sich für eine Gesellschaft langfristig daraus ergibt, dass nicht erneuerbare natürliche Ressourcen verbraucht werden.

Es ist grundsätzlich ein qualitatives Wachstum anzustreben: ein Wachstum der Wohlfahrt. Die Erhöhung des Sozialprodukts soll nicht das Ziel sein, sondern muss aus einer Verbesserung der Lebensqualität resultieren.