Wohlstand

Wohlstand und Lebensqualität

Können Sie sich das vorstellen: es gibt tatsächlich Menschen, die wollen, daß ich reich werde.

Aber wer ist schon reich? Reich sind immer die anderen, die mehr haben als ich. Reichtum ist keine absolute Größe, die ich irgendwann erreiche und dann reicht‘s. Reich sein liegt immer vor mir. Es ist der Wunsch, mehr zu haben, als ich habe. Viele glauben, sie wären zufrieden, wenn sie endlich die Million im Lotto gewinnen würden. Der Volksmund ist weiser: “Je mehr er hat, je mehr er will.” Mit den Möglichkeiten steigen immer auch die Ansprüche. Zu jedem erfüllten Wunsch kommen 2 neue dazu. Mit dem Reich-werden kommt man nie ans Ende, denn man schiebt die Meßlatte ständig vor sich her. Und so stimmen alle ein in das Lied: Wenn ich einmal reich wär..., die Sozialhilfeempfänger wie die Durchschnittsverdiener, die gehobenen Einkommensklassen wie die Spitzenverdiener. Kaum einer hat genug, wieviel er auch hat. Der Vater von Steffi Graf ist wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis, obwohl er Millionen verdient...

Es ist schon so: wer sich einmal auf den Gedanken eingelassen hat: “Alles wäre besser, wenn ich einmal reich wär”, der kommt aus dieser Tretmühle des Immer-mehr-haben-wollens kaum noch heraus.

Das mußte auch der Tourist in Bölls Anekdote schmerzlich erkennen. Eigentlich wollte er nur so lange und so hart arbeiten, bis es reicht. “Dann steige ich aus und dann beginnt das Leben.” Aber immer noch steckt er drin in dieser Tretmühle, und selbst im Urlaub kommt er da nicht raus. Statt am Strand zu liegen und in der Sonne zu dösen, verpaßt er dem ahnungslosen Fischer eine Vermögensberatung und bricht schier zusammen, als der für seine Vision so gar nichts übrig hat. Da wird ihm bewußt, daß sein Lebenskonzept nicht aufgeht. Ein namenloser Fischer am Mittelmeer streicht es einfach durch. “Haste was, dann biste was”, hatte man ihm eingebleut, und er hatte es geglaubt und weitergesponnen: Haste mehr, dann biste mehr. Und haste genug, dann hörste auf.

Ein Lebenskonzept, das tief in vielen Köpfen und Herzen steckt. “Haste was, dann biste was” – der Mensch ist, was er hat. Die Verknüpfung von Lebenswert und Besitz, typisch für unsere Leistungsgesellschaft, die davon lebt, daß jeder immer mehr hat. Und die Verknüpfung von Lebensqualität und Besitz. “Haste was, dann hastes gut.”

Es ist erstaunlich, daß wir bei hoher Lebensqualität sofort an materiellen Wohlstand denken. Die Lebensqualität steigt mit dem Einkommen, sagen wir.

Da ist es kein Wunder, daß sich jeder müht, immer mehr zu haben und bereitwillig in die Tretmühle steigt. Schließlich soll unser Leben Qualität haben.

Man gönnt sich ja sonst nichts.

So ist uns die Verknüpfung von Lebenswert und Lebensqualität mit unserem Besitz ganz selbstverständlich geworden. Wir sehen gar nicht mehr, wie unsinnig und gefährlich das ist. Das erkennen wir erst, wenn wir das mal auf Kinder übertragen:

Unsere Tabea ist jetzt 3 Monate alt. Sie kam zur Welt mit nichts. Sie hatte nichts dabei, nur sich selbst. Aber das war genug, fanden wir. Und kein Mensch dieser Welt käme auf die Idee, ihren Wert an dem zu messen, was sie hat; sie hat nämlich nichts – und ist doch unendlich wertvoll.

Aber kaum ist der Mensch erwachsen, stellen wir das auf den Kopf. Auf einmal ist jemand nicht deshalb wertvoll, weil er ist, sondern weil er hat, wenn er denn hat. Und so muß ein Mensch, sobald er erwachsen ist, damit anfangen zu haben, weil er sonst nichts ist. Das ist doch verrückt, oder?

Bei der Verknüpfung von Lebensqualität und Besitz ist es ähnlich.

Kinder sehnen sich nach Liebe und Geborgenheit, nach Wärme und Schutz, nach Wertschätzung und Anerkennung. Sie wollen von ihren Eltern geliebt und angenommen werden. Viele Kinder erleben das nicht. Ersatzweise werden sie zugeschüttet mit dem neuesten und teuersten Spielzeug. Da sagt so ein kleiner Knirps traurig: “Mein Papa ist nie da, und wenn er mal da ist, hat er keine Zeit. Er bringt mir jedesmal was Tolles mit – aber mir wärs lieber, er hätte ein bißchen mehr Zeit für mich.”

Die Lebensqualität eines Kindes hängt nicht davon ab, wieviel Spielsachen es hat, sondern davon, ob es bekommt, was es braucht und wonach es sich sehnt. Kein Mensch käme auf die Idee, von hoher Lebensqualität zu sprechen, wenn Eltern zwar das Kinderzimmer vollstopfen, aber ihr Kind mit seinen Sehnsüchten allein lassen.

Aber genau das tun wir beim Erwachsenen. Die Lebensqualität steigt mit dem Besitz, sagen wir. Dabei hat ein erwachsener Mensch die selben Sehnsüchte, wie ein Kind: er will geliebt werden und angenommen, wertgeschätzt und anerkannt. Deshalb entscheidet sich Lebensqualität nicht in erster Linie daran, wie wohlhabend wir sind und was wir alles haben, sondern daran, ob und wieweit diese Sehnsüchte in uns gestillt werden. Je größer die Defizite sind, die wir hier erleben, desto mehr suchen wir nach einem Ersatz und handeln an unserer vernachlässigten Seele wie die Eltern am vernachlässigten Kind: wir versuchen unser unerfülltes Leben zu füllen, indem wir uns alle möglichen materiellen Wünsche erfüllen. Aber das ist kein Ersatz, das befriedigt nicht und deshalb werden wir nicht zufrieden und haben keinen Frieden, sondern bleiben unruhig und umgetrieben. Wir steigen ein in die Tretmühle des immer-mehr-haben-wollens und beginnen zu laufen, schneller und schneller. Aber wie schnell wir auch laufen, je mehr wir auch haben, wir werden davon nicht satt. Unsere Sehnsüchte werden nicht gestillt, wir bleiben innerlich leer.

Erich Fromm, Soziologe, Psychologe und Philosoph, schrieb in den 70-er Jahren ein Buch mit dem Titel: Haben oder Sein. Er stellt interessante Überlegungen zu unserem Thema an, auf die ich, angesichts der Zeit, gar nicht eingehen kann. Nur einen Satz will ich zitieren: “Habgier und Friede schließen einander aus.” (S18) Habgier, also der Wunsch immer mehr zu haben, und Friede schließen einander aus. Solange ich in der Tretmühle des Haben-wollens stecke, werde ich keine Frieden erleben und nicht zur Ruhe kommen.

Damit kommt Fromm, der übrigens überhaupt nicht fromm war, zu demselben Schluß, zu dem die Bibel schon 3½-tausend Jahre vorher gekommen ist. Im AT, in Pred 5,9 heißt es: “Wer am Geld hängt, wird vom Geld niemals satt, denn er bekommt nie genug davon.” Jesus Christus sagte: “Hütet euch vor jeder Art von Habgier! Denn der Mensch gewinnt sein Leben nicht aus seinem Besitz, auch wenn er noch so groß ist.” (Lk 12,13)

Verstehen sie das bitte nicht falsch. Das ist kein Aufruf zur Armut. In der Bibel steht nirgends, daß der Mensch nicht reich sein darf. Aber es ist ein Aufruf, Lebensqualität und Lebenswert nicht an den Besitz zu hängen, weil uns das um unser Leben und um unseren Frieden betrügt. Der Gedanke: “Wenn ich einmal reich wär, dann wär ich wer und dann wär mein Leben was” führt nicht ans Ziel. Am Ende wartet nicht der Friede, sondern der Kollaps oder die Resignation.

Aber kommen wir raus, aus dieser Tretmühle? Zu erkennen, daß wir drinstecken, reicht ja nicht.

Wir müßten wissen, daß wir geliebt sind, so wie wir sind, mit unseren Stärken und Schwächen, mit unseren Siegen und Niederlagen, mit dem, was uns im Leben gelungen oder zerbrochen ist. Wir müßten wissen, daß wir wertgeschätzt sind, unabhängig davon, was wir haben. Wir müßten wissen, daß wir angenommen sind in den Hochzeiten unseres Lebens ebenso, wie an den Tiefpunkten. Wir müßten wissen, daß wir geborgen sind, mit unseren Hoffnungen und unseren Ängsten. Wenn wir das alles wüßten, dann könnten wir anfangen, Schritt für Schritt, auszusteigen aus der Tretmühle des Immer-mehr-haben-müssens. Dann könnten wir ruhig werden und zum Frieden kommen, weil wir zufrieden wären mit dem, was wir haben und was wir sind. Wenn wir das alles wüßten...